{"id":13864,"date":"2021-12-12T18:33:13","date_gmt":"2021-12-12T18:33:13","guid":{"rendered":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/uncategorized\/turheim-lujza-3\/"},"modified":"2026-05-29T15:54:34","modified_gmt":"2026-05-29T15:54:34","slug":"turheim-lujza-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/youth\/turheim-lujza-3\/","title":{"rendered":"Luise Th\u00fcrheim"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine theuere Gr\u00e4fin,<a href=\"#_edn1\">[a]<\/a> Ihre ahndende Seele hat die Wahrheit getroffen. Ich gehe nicht nach dem Oriente!<a href=\"#_edn2\">[b]<\/a> Und ich m\u00f6chte Freuden Thr\u00e4nen weinen, wenn mein Herz nicht l\u00e4ngst verkohlt w\u00e4re, da\u00df ich nicht gehe. Gott sey dank; mich h\u00e4tten Sie und kein Mensch mehr in \u00d6streich gesehen \u2014 wenn ich, in der Stimmung in der ich war, in der ich bin, und in der ich eine Zeit wohl noch verbleiben werde m\u00fcssen \u2013 die Vaterstadt verlassen haben w\u00fcrde! \u2014 Jetzt bin ich aber getr\u00f6stet \u2013 und es soll keine Macht der Welt mich mehr trennen k\u00f6nnen von \u2013 dem Aufenthalt &#8211; der mir zu einem Paradiese geworden ist. W\u00e4ren Sie nicht so ganz <em>Sie selbst<\/em>,<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> <em>alles die\u00df<\/em><a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> w\u00fcrde ich Ihnen gewi\u00df nicht schreiben, denn es ist nichts Entsetzlichers als f\u00fcr einen Schw\u00e4rmer oder gar f\u00fcr einen Narren gehalten zu werden, indem man nur ein w\u00e4rmeres Herz in Busen tr\u00e4gt \u2013 und sich einigerma\u00dfen von der prosaischen Gesellschaft der <em>\u00dcbrigen<\/em><sup>1<\/sup> entfernt h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2014 Machen wir keine Zeremonien, wenn es Ihnen so beliebt \u2014 Sie nahmen gar Vieles, was ich Ihnen nie sagte \u2013 was Sie aber wohl errathen mu\u00dften, wenn Sie kein Tschaperl seyn wollten \u2013 f\u00fcr \u00e4chte, reine Dichtung, f\u00fcr Roman \u2013 Indessen war es unausl\u00f6schbare, sprechende Wahrheit \u2014 k\u00fchler als Sie\u2018s denken k\u00f6nnen, aber desto ernsthafter \u2013 und dauernder \u2014 \u2014. Schmerzen und innerer Gram adelt die Seele \u2014 und es ist dem menschlichen Herz so wohl zu denken, da\u00df ungl\u00fcckliche Liebe zur Tugend n\u00e4her f\u00fchrt \u2013 \u2013. In <em>gewissen L\u00e4ndern<\/em><sup>1<\/sup> h\u00e4lt man beynahe Alles \u2013 was aus dem gew\u00f6hnlichen Tabacksdampf herausschreitet \u2013 f\u00fcr ungew\u00f6hnlich \u2014 daher f\u00fcr, unbegreiflich \u2014 daher f\u00fcr \u2014 toll \u2013 und leider manchmahl f\u00fcr, schlecht \u2014. Ohne mir weiters eine Illusion zu machen, diene ich, alter Knabe, dem Kaiser von \u00d6sterreich, 11 ganze Jahrln\u2018 mit abwechselndem Gl\u00fcck \u2014 Ich will eine <em>Menge<\/em><sup>1<\/sup> mir zu meiner h\u00e4uslichen Gl\u00fcckseligkeit bereiten \u2013 es gehet Nichts \u2014 Die spanischen Schl\u00f6sser zerflie\u00dfen, sage ich Ihnen, wie Eislimonade \u2014 Ich werde kummervoll, versage Spei\u00df und Trunk, kann nimmer schlafen, denke an Werther,<a href=\"#_edn3\">[c]<\/a> an Faldoni<a href=\"#_edn4\">[d]<\/a> und dergleichen Edelleute \u2014 Die Natur, der Zufall m\u00f6chte ich sagen, siegt endlich \u2013. Alle Leute geben mir einen <em>gescheiden<\/em><sup>1<\/sup> Trost \u2013 da\u00df bald versehen wird \u2013 was sie nicht ahnden k\u00f6nnen, welche Wurzeln es gefa\u00dft! \u2014 Ich mag bitten, mich \u00e4rgern \u2013 demonstriren, ja es glaubt mir kein Mensch. Was man andern Leuten um ein Glas Wasser geben wollte, denen im Grunde Nichts daran liegt \u2013 w\u00fcrde man mir, f\u00fcr mein Blut, mein Mark, ja um meine Lymphe selbst versagen \u2014. So ist mein Status \u2013 mir geht die Sonne tr\u00fcb auf, sie gehet mir finster nieder \u2013 mich scheinen ihre Strahlen zu meiden \u2013 die Sterne blinken \u2013 die Blumen duften nimmer \u2014 ich lebe nur, weil ich athme \u2013 So gehet es lang, sehr lang \u2013 endlich kommen 3 G\u00f6ttinnen unbemerkt \u2013 und suchen ihr krankes Kind heim \u2013 welches ihnen <em>nie ganz untreu<\/em><sup>1<\/sup> geworden war \u2014 der Glaube <em>an Gott<\/em>,<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> die Besch\u00e4ftigung \u2013 und die Hoffnung einer sch\u00f6nen Zukunft \u2014 Sie wiegen ihn ganz langsam ein, und obschon er nicht ganz gl\u00fccklich seyn kann, kann er doch wenigstens wieder leben \u2014. Er vergleichet sich mit hundert anderen die noch weit ungl\u00fccklicher sind \u2014 denkt auf alle <em>seine S\u00fcnden<\/em>,<sup>1<\/sup> tragt gerne die Strafe, wenn sie noch so hart w\u00e4re, um sich mit sich selbst ganz auss\u00f6hnen zu k\u00f6nnen \u2013 will gut werden, \u2013 lernt Viel \u2013 will dem Lande dienen, als so ein rechter Strapatzier Gaul an dem Nichts gelegen ist \u2014\u2013 Gehet endlich \u2013 in der Stimmung nach dem Lande \u2013 und bek\u00f6mmt endlich einen Brief der das sagt \u2014 \u201eWollen Sie nach Arabien wenn Sie der Kaiser hinschickt\u201e \u2013 ?<sup>b<\/sup> Er denkt 3 Tage dar\u00fcber nach \u2014 und entschlie\u00dft sich, nachdem er eingesehen, da\u00df keine Blumen f\u00fcr ihn in der Heymath bl\u00fchen \u2013 und da\u00df es wahrscheinlicher ist hier wie in Arabien lang zu leben \u2013 \u00fcberall hinzugehen wo man es nur schaft \u2014 Er verkauft dem zu Folge alle seine Habseligkeiten &#8211; r\u00fcstet sich mit allen Comfort zu dieser schw\u00fclen hei\u00dfen Expedition \u2013 Es vergehen 7 Monathe \u2013 er h\u00f6rt nichts \u2013 Seine Blumen fangen aber an zu duften, seine Sterne zu gl\u00e4nzen \u2013 <em>Er weint bitterlich<\/em><sup>1<\/sup> \u2013 doch kann er nicht helfen, denn sein Wort zu halten und seine Pflicht nachzugehen ist ihm lieber als Lieb und Leben, und alles irdische Gl\u00fcck zusammengenommen. &#8211; Er harret in banger stiller Erwartung \u2014 Zu seinen unnat\u00fcrlichem Heil gehet aber, wie ich vermuthe, das Gelderl dem Kaiser aus \u2014 und man dankt ihm, mit aller H\u00f6flichkeit ab \u2014 Er dankt dem Himmel der diesen Kelch abgewendet, und f\u00fchlt sich wieder von Dienst und Pflicht frey, wie der Waldfogel, der nie in K\u00e4fig war \u2013 dem die Errinnerung der<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Sclaverey nicht gebrandmarkt hat \u2014. Die\u00df ist seine <em>vergangene<\/em><sup>1<\/sup> Lebensgeschichte. Das was folgt wird die Zeit lehren \u2013 indessen k\u00f6nnen Sie, von seiner <em>eisernen<\/em><sup>1<\/sup> Consequenz versichert seyn \u2013 und einstens erfahren, da\u00df an dem rechten Wollen des Mannes zuletzt in der Welt doch alles abprellen mu\u00df \u2013. Was finden Sie, Theuere Leserinn, an allem dem, unger\u00e4umt L\u00e4cherliches, besonders Tolles \u2014 \u00fcbertrieben N\u00e4rrisches? <em>Das ist meine Apologie<\/em>.<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df Sie in dem ru\u00dfischen Land zu Schnee und Eis werden,<a href=\"#_edn5\">[e]<\/a> freut mich ungemein, denn um desto lieber werden Sie die alte Sonne der Heimath haben \u2013 Das Vaterland ist kein leeres Wort \u2014 man mag sagen was man will \u2013 und es schl\u00e4gt das Herz wenn man ihm nahet \u2013 in dem Busen \u2013 eben so lange wohl \u2013 wie wenn man geliebt die Liebende zu begegnen hofft \u2013 und wahre Liebe f\u00fcr Frauen und seinem Vaterlande \u2013 ist die ewige Triebfeder alles Gro\u00dfen und Edlen. \u2013 Ich bin gewi\u00df, da\u00df Sie mich hier finden werden \u2013 denn ich weiche keinen Schritt von der Stelle \u2013 und Ihre \u00c4userung, da\u00df Sie sich freuen mich zu sehen, ist mir weit mehr es lieb \u2014 Ich bin allen Leuten so gut \u2013 die mir gut wollen \u2013 Ihnen, liebe Louise \u2014 m\u00fc\u00dfte ich selbst dann gut seyn, wenn Sie mich ha\u00dften \u2013 das f\u00fchle ich in mir \u2013 denn ich w\u00fcrde mir denken, da\u00df Sie mich nicht kennen, und Ihren Zauber doch nicht entgehen k\u00f6nnen \u2013. Ich werde in Ihrer Gesellschaft noch manche angenehme Stunde verleben, zumahl wenn Sie so viel Freundschaft f\u00fcr mich haben, als ich f\u00fcr Sie \u2014<\/p>\n\n\n\n<p>Meinen guten alten Vater gehet es verwunderlich \u2014 indessen gehet er mit riesen Schritten seinem Ende entgegen \u2013 Von seiner Geduld und Ergebung k\u00f6nnen Sie sich<a href=\"#_edn6\">[f]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Sz\u00e9chenyi\u2019s underlining with straight line.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Sz\u00e9chenyi\u2019s underlining with a thick line.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Interlining afterwards.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> One word deleted.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[a]<\/a> Countess Ludovika Franziska Maria Th\u00fcrheim (1788\u20131864), Austrian writer and painter, sister-in-law of Prince Andrey Razumovsky. She is best known for her memoir\u00a0<em>Mein Leben<\/em>, in which she chronicled life as an aristocrat in Vienna.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\">[b]<\/a> See his previous letters of 12 February 1820 to the countess and of early February 1820 to Heinrich Hardegg<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\">[c]<\/a> Probably the hero from Johann Wolfgang Goethe\u2019s (1749\u20131832) epistolary novel <em>Die Leiden des jungen Werthers<\/em> (<em>The Sorrows of Young Werther<\/em>), published in 1774.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\">[d]<\/a> Probably Giovanni Antonio Faldoni (c. 1689\u20131770), Italian painter.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\">[e]<\/a> She accompanied her brother-in-law, Prince Razumovsky, to Russia, where he intended to settle his financial affairs.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\">[f]<\/a> The end of the letter is missing, on which the date was probably written. Judging from the contents of the letter, it was written in March 1820.<\/p>\n\n\n\n<p>Recommended reference:<\/p>\n\n\n\n<p>Istv\u00e1n Sz\u00e9chenyi to Luise Th\u00fcrheim, 31 March 1820. Edited and annotated by Szilvia Czinege. Published in Correspondence of Istv\u00e1n Sz\u00e9chenyi. Digital edition. Edited by Szilvia Czinege and Zolt\u00e1n F\u00f3nagy. https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/ Abbreviation for further references: SzIL-Digit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>He is not travelling east. For 11 years he has served the Emperor of Austria with fluctuating fortunes. After reflecting on the meaning of life, speaking of himself in the  third person singular, he writes he receives a letter asking him to go to the East if the Emperor so wishes. He thinks about it for three days, and decides, after realising that there will be no laurels for him in his homeland. He prepares everything for the journey and waits. Homeland is not an empty word; the eternal motive of every great and noble man is his country and his love for his wife. His father is surprisingly well.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3448],"tags":[3418],"language":[3416],"addressee":[4576],"place_of_writing":[3397],"qualification":[3383],"place_of_keeping":[4594],"place_of_publication":[4595],"class_list":["post-13864","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-youth","tag-emotions","language-german","addressee-luise-thurheim-en","place_of_writing-vienna","qualification-original","place_of_keeping-mnl-ol-p-625-b-no-105-en","place_of_publication-bartfai-adatok-1-31-33-en"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13864","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13864"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13864\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13867,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13864\/revisions\/13867"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13864"},{"taxonomy":"language","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/language?post=13864"},{"taxonomy":"addressee","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/addressee?post=13864"},{"taxonomy":"place_of_writing","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/place_of_writing?post=13864"},{"taxonomy":"qualification","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/qualification?post=13864"},{"taxonomy":"place_of_keeping","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/place_of_keeping?post=13864"},{"taxonomy":"place_of_publication","embeddable":true,"href":"https:\/\/szechenyilevelezes.abtk.hu\/en\/wp-json\/wp\/v2\/place_of_publication?post=13864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}