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Recipient Ferenc Széchényi
Place of Writing Corfu
Date 1818. August 25.
Language German
Tag travel
Location of Preservation MNL OL P 623 A-I.-9.-No.44/20.
Place of Publication Zichy 196–198.
Classification Original
Content Summary

He arrived after a six-day voyage, satisfied with both the captain and the crew. He takes this ship to Tenedos, disembarks there, visits Troy, Brusa and Olymuss in Asia Minor, and from there goes to Constantinople. In the mornings he reads and studies, Landschulz writes a travel diary and Ender takes pictures, he himself wants to fill some of the sheets to use it to his own advantage. In October, he will be in Constantinople and asks for Conrad’s map of Turkey to be sent to him.

Ferenc Széchényi

Mein lieber Vater, nach einer kurzen Fahrt von 6 Tagen haben wir gestern gegen Mittag vor diesen Hafen Anker gelegt.[a] Die Seereise verging mir schnell, den[1] meine Gesundheit war immer gut, und weil das Adriatische Meer so eng ist, daß man bald rechts bald links ganz nahe zum Lande kommt, welches der immerwährenden Varietät wegen, jede Langeweile vorscheut, welche[2] man auf einer Reise nach America zum Beispiel gewiß empfinden muß – der ungünstige Wind aber, den wir auser 24 Stunden, beinahe immerfort hatten, machte dieses hin und her fahren nothwendig, welches die Reise verlängerte, das ist natürlich, welches mir aber gar nicht unangenehm war, da ich nun dem Golf so ziemlich gut kenne. Wir hatten kein übles Wetter und keine Stürme: zweimal zog ein Donnerwetter ziemlich in unserer Nähe vorüber, welches unsern Marche ein großes Hinderniß war: auch wurde die See dermaßen bewegt, daß alle jene die einige disposition datzu hatten, Seekrank geworden sind. – G.[3] Lützow[b] hat tapfer und ritterlich alles im besten Wohlsein ausgehalten, und er ist unter denen oben anzurechnen, denen das Meer nicht schadet, und die die Langeweile der contrairen Winde, des schlechten und warmen Wassers und die Mühseligkeiten eines Marin’s am geduldigsten und in[4] der scherzhaftesten Laune ertragen. – Der Commandant samt allen übrigen in’s Schif gehörigen sind artige und geschickte Leute[c] – ich hab‘ sie recht lieb gewonnen und ich könnte ohne allen Bedenken dem Ocean mit ihnen durchsegeln.

Wegen der Ursache meines Wohlbefindens auf der See, der guten und zugleich instructiven Unterhaltung die ich auf dem Brig[d] genieße, und denen braven und tapfern Seeofficiere hab’ ich auch entschloßen, mich von dem Kriegsschif seiner Majestät bis Tenedos nicht mehr zu trennen, von wo, da man mit einen Schif vom ersten Rang nach Constantinopel nie fährt,[e] ich über die Troyade und Brussa,[f] um den Asiatischen Olympus auch zu sehen, in die Hauptstadt der Pforte mich begeben werde.

Jeh weiter man zur Türkey kömt desto mehr verschwinden alle Gefahren der bei uns so sehr gefürchteten Pest. Ich hätte ohne alle Gefahr über Prevesa,[g] nach Janina[h] und von4 Salonick[i] nach Constantinopel meine Reise unternehmen können: es wäre auch gut und angenehm gewesen, indessen ist mir die Fahrt über den Archipelagus noch lieber, und ich kan Sie, lieber Vater versichern, daß ich dem Fürst Metternich[j] nicht genug dankbar sein kann, die Erlaubniß mit dem Grafen Lützow mich einschiffen zu dürfen, bei S. M.[5] mir ausgewirkt zu haben. Der Vortheil ist gar nicht zu berechnen! Jetzt sehe ich erst, in welcher Verlegenheit die jenigen sind, die für ihre Fahrzeuge selbst sorgen müssen! –

Unsere Lebensart auf dem Orione durch die 6 Tage hindurch war mit dem Wind, verschieden – man konnte nicht immer lesen, nur um zu schreiben war für mich die Agitation doch immerwährend zu heftig – Wir frühstücken um 10 Uhr und speisen gegen 5 Uhr, ich immer mit gutem Appetit. Vormittag wird gelesen und gelehrnt wenn auch mit Zerstreuung – nachmittag hingegen, geraucht und Schch[6] gespielt -. Herr Landschulz[k] und Ender[l] waren im Anfang ein wenig krank, dan aber – gesund, das Tagebuch des ersteren und die Zeichnungen des letzteren werden, meinen lieben Eltern manche Stunde vertrieben und auch bei andern großen Anwerth finden – Ich schreibe auch – aber wem wird das was ich kritzle interessiren können? indessen will ich auch einige Bögen vollgeschmirt mit nach Hause bringen. Meine größte Mühe ist aus jeder Kleinigkeit einen Nutzen für mich zu schipfen:[7] vieleicht kann ich in der Zukunft durch meine Erfahrungen andern nützlich sein – und wen[8] das ist, so bin ich ja auch in der Welt zu etwas gut gewesen! —

Der Gouverneur dieser Insel samt denen 6 andern Inseln,4 ist mit seiner ganzen Famille in der Schweitz General Adams[m] stellte ihn vor — Er empfing dem Gr.[9] Lützow mit der größten Auszeichnung, mich sehr freundschaftlich da ich ein Empfehlungs Schreiben an ihn hatte — Das aller erste, was er mir antrug, war, meine Briefe die ich etwa nach der Heimath haben sollte, zu besorgen – Ursache genug um ihn für dem artigsten aller Corfuaner zu halten, den1 sonst weiß ich wahrlich nicht, lieber Vater, auf welche Art Sie sobald von mir Nachricht erhalten haben würden, den1 Gelegenheiten für Briefe gehen doch äuserst selten: dem Britten haben Sie also zu danken, wenn Sie dieser Brief erfreuen sollte — und das hoffe[10] wird er, den1 warum sollten Sie dem nicht ein wenig lieben, dem Sie das liebste in der Welt sind! — Gestern verging der halbe Tag mit herumlaufen, den1 wenn man aus einem Schif kömt wo man mehrere Tage eng verschloßen geblieben ist, so ist man im Anfang so vergnügt und froh sich ein wenig auszuspringen, daß es so zu sagen grausam wäre, sich diese einigen Stunden des Glücks, da sie ja im ganzen doch so selten kommen, nicht gönnen zu wollen. 

Heute in der Früh bin ich in der Insel tief im Lande gewesen und kam vor einer halben Stunde zu Hause, und werde bei dem G.[11] Adams speisen, dem ich zu Mittag diesen Brief übergeben muß. – Ich gehe also gerade nach Constantinopel, ich werde dem 6 8ber noch dort sein, so hab’ ich berechnet — wäre es möglich, daß Sie mir la carte de la turquie d’Europe par Conrad[n] (die bei Artaria[o] zu haben ist) bis dahin schickten so würde ich sie gut benützen können.

Geben Sie mir nun Ihren Seegen, mein lieber Vater und meine theure Mutter, denken Sie manchmal an ihren dankbaren Sohn.

Corfu den 25ten August 1818

Es wäre möglich, daß ich noch einmal vor meinem Ankommen in Constantinopel4 Gelegenheit finde Ihnen einige flüchtige Zeilen zu schreiben


[1] Instead of denn.

[2] Corrected word.

[3] Graf

[4] Interlining afterwards.

[5] Seiner Majestät

[6] Schach

[7] Instead of schöpfen.

[8] Instead of wenn.

[9] Grafen

[10] Missing word: ich.

[11] General


[a] For a more detailed description of the trip, see SzIN 1. 291–302.

[b] Count Rudolf von Lützow (1780–1858), Austrian diplomat, Austrian ambassador to Constantinople (1818–1823), then ambassador in Rome (1827–1848). Széchenyi traveled with him to Constantinople.

[c] He had Ender draw the entire Orione crew.

[d] A two-masted sailing warship named Orione.

[e] The Turks and the British fleet guarding the straits did not allow a single ship to cross the Dardanelles.

[f] The ruins of Troy and the city of Bursa in Asia Minor, near the Sea of Marmara, which was the capital of Turkey before the conquest of Constantinople; he called it the Asian Olympus.

[g] City on the southern tip of Epirus.

[h] A Turkish town north of Preveza.

[i] Thessaloniki, Greek port city in Turkish-ruled Macedonia.

[j] Prince Klemens Wenzel Lothar von Metternich (1773–1859) was an Austrian statesman, Foreign Minister of Austria from 1809, chancellor of state (1821–1848) and a leading figure in Austrian politics.

[k] Julius Landschulz was a philologist and teacher of classical languages and literacy, formerly tutor to Count József Zichy. Széchenyi’s companion on his journey to the East.

[l] Johann Ender (1793–1854) an Austrian painter who accompanied Széchenyi on his journey to the East.

[m] Sir Frederic Adams (1781–1853) English general, commander of the Ionian Islands (1824–1832).

[n] Conrad’s map of European Turkey was published at the beginning of the century.

[o] A bookstore in Vienna.

Recommended reference:

István Széchenyi to Ferenc Széchényi, Corfu, 25 August 1818. Edited and annotated by Szilvia Czinege. Published in Correspondence of István Széchenyi. Digital edition. Edited by Szilvia Czinege and Zoltán Fónagy. https://szechenyilevelezes.abtk.hu/ Abbreviation for further references: SzIL-Digit.

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