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Recipient Ferenc Széchényi
Place of Writing Constantinople
Date 1818. October 17.
Language German
Tag travel
Location of Preservation MNL OL P 623 A-I.-9.-No.44/25.
Place of Publication Zichy 223–225.
Classification Original
Content Summary

He has postponed his departure for a few days because of Count Lützow’s visit to the Grand Vizier. Thanks to Baron Stürmer and Count Lützow, he was able to see everything of interest to him in the field of industry, but he regrets that he was unable to visit the Church of St. Sophia. His next stop is Princes’ Islands, and then he will ride on horseback through Nicomedia to Brussa, where he plans to spend several days waiting for his mail. From there he will continue to Magnesia and Sardis, and then on to Smyrna, where he will probably stay with the Austrian Consul General.

Ferenc Széchényi

Constantinopel den 17ten October 1818[1]

Mein lieber guter Vater, der Besuch den der Gr.[2] Lützow[a] dem Groß Vezir machte, ist Ursache, daß ich meine Reise um einige Tage verschoben habe – diese Visite hatte aber den 15ten statt,[b] – und giebt mir eine ganz genaue und klare Idee über den Einzug den der Graf Lützow bei dem Großherrn haben wird, und den abzuwarten ich keine Zeit mehr habe — das Wetter hat sich nun endlich ganz verändert, und statt denen schönen warmen Tagen, die nur den ganzen Sommer hindurch ununterbrochen treu geblieben sind – erscheinen nun allmählich die Herbstlichen — die mich zwingen noch um einige Tage länger hier zu verweilen. – So ist den[3] für dieß Jahr das gute, brauchbare Wetter dahin, und der Reisende muß sehen, daß er hie und da einige Regenlose Augenblicke erhasche, wenn er nicht das Land nur durchlaufen, oder auch nebst Mantel und Parapluie[4] bis auf die Haut naß werden will — da lobe ich mir unsere Wägen und unsere guten Wege![5] – Wie werde ich, wenn der liebe Gott mir erlaubt nach Wien wieder zuruckzukehren, die Straßen, die Fußwege selbst, und wie mehr unsere Équipagen und Postanstallten zu schätzen wissen – ! Wie viele unangenehme Tage werde ich aber noch verleben müßen, lieber Vater, bevor ich so glücklich werde sein können! – Nun das weiß der liebe Himmel, und da ich gesund bin und mir auch sonst gar nichts fehlt, so kann ich schon überall aus halten, wo es auch immer ist – Und wie angenehm sind im Alter die Errinnerungen, von solchen beschwerlichen Reisen, die ich jetzt mache, und die man so zu sagen, nur in denen jungen Jahren machen kann. – Auf diese Errinnerungen, gestehe ich, freue ich mich eben so, wenn nicht noch mehr – als ein[6] der augenblickliche Genuß erfreuen kann, so viele neue und intéressante Gegenstände, mit jedem Schritt zu sehen, und so meine Erfahrung und auch einigermaßen auch meine Kentniße zu erweitern. – Meinen Aufenthalt in Constantinopel hab’ ich mir recht sehr zu Nutzen gemacht, und mit meiner Industrie1 und der Güte des Baron Stürmer[c] und des Gr.[7] Lützow, die mir in jeden meiner Wünsche vorkommen, und deren Güte und Freundschaft ich nicht sattsam rühmen, und Ihnen, lieber Vater, wiederhohlen kann, hab‘ ich alles das, was man sehen darf,5 auch wirklich gesehen – Auf das Verbothene hab‘ ich verzicht geleistet – den3 ich hab’ wohl müßen, und mich zu exponiren hielt ich durchaus für Unnütz und für lächerlich –. Die Mosquée[8] St. Sophie nicht gesehen zu haben ist das einzige was mich am meisten reut ~~ den,3 um die fragt man gewöhnlich alle jenigen die in Constantinopel gewesen sind, weil es auch eins der merkwürdigeren Gegenstände ist ~ Es war aber nicht möglich, und ich tröste mich mit dem Gedanken, daß alle Reisende die unter der Regierung des Mahmut II[d] die Türkey bereisen, mit mir das nehmliche Schicksal theilen müßen. –

Übermorgen denke ich meine Reise anzutretten. Ich werde mich auf denen Prinzen Inseln, die wie Sie wissen vis–ā vis von dem Bosphorus liegen, einige Tage aufhalten — um da, unter uns gesagt, Wind zu feyern und das bessere Wetter abzuwarten, da ich doch nicht mehr länger in dem Haus des Gr.7 Lützow ungelegen sein will, der mich mit seiner unbegrenzten Güte und Gefälligkeit wirklich in Verlegenheit setzt. – Sodan gehe ich, zu Schif bis nach Nicomedien[e] — wo ich das Grab des Hanibals[f] zu besuchen denke. Dort bleibe ich einen Tag – und gehe dan zu Pferd bis nach Brussa – Meine Reise wird wahrscheinlich über Nicea[g] gehen, wo ich aber gar nicht lang aufzuhalten gedenke indem, in dieser Jahreszeit die Luft daselbst ein wenig ungesund ist, und ich mich vor Fieber und dergleichen Unbequemlichkeiten, doch schützen will, da ich[9] einstens ein wenig datzu inclinirte. In Brussa[h] aber, wohin ich9 einige[10] recommandations Briefe habe, werde ich mehrere Tage bleiben, da ich gesonnen bin den Gipfel des Olymp zu ersteigen, was gar nicht fatigante ist, da man mehr als 2/3 von dem Weg zu Pferd oder Esel machen kann – und für äuserst belohnend gerechnet werden9 verdient,10 da die Aussicht eine der schönsten in Klein Asien sein soll. – Von Brussa werde ich dan längst den See Apollonius — nach Magnesia[i] und Sardes[j] – und von da nach Smyrna wo ich wahrscheinlicher Weise bei dem Östreichischen General Consul wohnen werde, der ein großes Haus hat, ein reicher Mann ist, und die Fremden und Reisenden, in der Regel, sehr protegirt. – Ich denke in 3 Wochen in Smyrna einzutreffen.

Diesen Brief werde ich hier lassen, und den Gr.7 Lützow bitten ihn mit der nächsten Post abzusenden, die den 26ten von hier abgehen wird. — Sie wissen, daß die Briefe von hier alle 15 Tage regelmäßig expedirt werden. Die nach der zu nächst kommenden Post wäre also, da der 8ber 31 Tage hat, den 10ten Novemb. erst expedirt, und die darauf folgende den 25 Novemb. – Nun wäre es möglich, daß ich von Brussa oder Smyrna keine Gelegenheit finden könnte, um meine Briefe an Sie, lieber Vater, mit Sicherheit und vor denen bestimten Terminen nach Constant. zu senden von wo Gr.2 Lützow, die Güte haben wird sie weiter zu expediren – und daß Sie vieleicht 4 bis 6 Wochen, ohne meinen Briefen bleiben – wovon ich Sie vorläufig preveniren will ~ damit Sie ja nicht denken daß mir etwas geschehen ist, oder daß ich etwa – eine Gelegenheit versäumt an Sie zu schreiben. – Der gute Gott wird aber Sie und mich beschützen – und da wir übereingekommen sind, auf dem, das meiste zu vertrauen, so wollen wir ruhig dem Augenblick abwarten – uns in Wien wieder zu finden ~ wenn wir auch, die kurze Zeit, unserer Trennung, hindurch nicht regelmäßig, gegenseitige Nachricht erhielten.

Geben Sie mir den Segen, und empfehlen Sie mich meiner guten Mutter, deren Hände ich küße – Bringen Sie mich doch, ich bitte Sie, in dem Andenken meiner Geschwister und meiner anverwandten.

Stepherl


[1] Széchenyi’s underlining with wavy line.

[2] Graf

[3] Instead of denn.

[4] French: umbrella.

[5] Széchenyi’s underlining with straight line.

[6] Instead of einen. (The objective case of the indefinite pronoun ‘man’.)

[7] Grafen

[8] French: mosque.

[9] One word deleted.

[10] Interlining afterwards.


[a] Count Rudolf von Lützow (1780–1858), Austrian diplomat, Austrian ambassador to Constantinople (1818–1823), then ambassador in Rome (1827–1848).

[b] The presentation of the Austrian chargé d’affaires was drawn by Ender. See SzIN 2. 356.

[c] Baron Ignaz Lorenz von Stürmer (1752–1829) was Count Lützow’s predecessor as Austrian ambassador to Constantinople (1802–1818) and then, from 1818, as counsellor at the court and state chancellery in Vienna.

[d] II. Mahmud (1785–1839) Ottoman sultan (1808–1839).

[e] Nicomedia, a city in Asia Minor on the eastern coast of the Sea of Marmara.

[f] Hannibal, the Punic leader defeated by the Romans poisoned himself while fleeing, in the court of Pontius of Bithynia in 183 BCE. He was buried in the ancient city of Libyssa and his tomb was erected by the Roman emperor Septimius Severus.

[g] Nicaea is a city in Asia Minor, now known as Iznik in modern-day Turkey.

[h] The town Brussa lies at the foot of Mount Olympus.

[i] A city in Asia Minor, northeast of Smyrna.

[j] An ancient city in Asia Minor, east of Smyrna.

Recommended reference:

István Széchenyi to Ferenc Széchenyi, Constantinople, 11 October 1818. Edited and annotated by Szilvia Czinege. Published in Correspondence of István Széchenyi. Digital edition. Edited by Szilvia Czinege and Zoltán Fónagy. https://szechenyilevelezes.abtk.hu/ Abbreviation for further references: SzIL-Digit.

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