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Recipient Luise Thürheim
Place of Writing Cenk
Date 1824. May 29.
Language German
Tag emotions
Location of Preservation MNL OL P 625-B-No.104.
Place of Publication Bártfai – Adatok 1. 47-49.
Classification Original
Content Summary

His letters were warmly received. He has thought a lot about her and her sister over the past three weeks and looks forward to spending many pleasant moments together. Since her absence, chance has dealt him many blows, but he is somewhat better now. He is expecting ship captain Gordon, who wants to spend a few days with him and then accompany Széchenyi to Salzkammergut and Switzerland. He knows nothing about his life four months later, but he is sure that he will not marry.

Luise Thürheim

Zinkendorf 29 Mai 1824[1]

Liebe Gräfin,[a] Sie werden sich, wenn ich mich an Ihnen nicht irre gegangen habe, nicht wundern, daß ich Ihnen jetzt so auf einmal schreibe. Sie sind groß genug, um zu fühlen, daß man nicht aufgehört haben muß zu denken und zu empfinden, wen[2] man aufhörte zu reden und zu schreiben.

Meine Briefe an Sie, gesendet nach Norden,[b] erfreuten sich eines herzlichen, warmen Empfanges. Italien hat Ihr, zur Theilname und Freundschaft, geschaffenes Gemüt, nicht verengt, und ich weiß, daß diese Zeilen eine eben so gütige Aufname in Süden[c] finden werden!

Ich dachte an Sie und Ihre Schwester,[d] der Sie mich recht herzlich empfehlen müssen, gar oft – aber nie so anhaltend als seit 3 Wochen. Mir scheint, daß ich alle zweyten Tag von Ihnen träume. – Sie werden diese Erscheinung in meinen Gehirn, der kleinen Langen Weile zuschreiben wollen, die ich hier allein liegend und krank, doch manchmal empfinden muß. – Keinesweges – ich fühle das Bedürfniß Ihnen einige herzliche Worte zu sagen, – und Sie zu versichern, daß ich mich im voraus freue, manchen angenehmen Augenblick mit Ihnen zuzubringen. Wo und wen?[3] Das ist eine andere Frage – die indeß in meiner jetzt bald ganz freyen und unabhengigen Lage, leichter zu beantworten ist, als man’s so beym ersten Überdenken, glauben könnte – Hat man die Gewohnheit langsam zu denken & „Können Sie also nicht kommen, wo ich bin, so ist’s möglich, daß ich dahin gehe wo Sie sind!

Seitdem ich Sie nicht sah, hat der Zufall in meinem Leben, manchen Prügel geworfen: doch keinen bedeutend großen! Ich kann sagen, daß ich in diesem 2ten Theil meiner Existenz, um etwas besser geworden bin – und daß ich die gewiße[4] Auflage von Thomas ā K.[e] – manchmal in den Händen, und oft in meinem Sinn hatte! Das Herz hat auch einige schmerzliche Augenblicke seit der Zeit erdulden müssen – Nun aber bin ich, impassible, für Alles was kränkt und trübt, jedem Vergnügen offen, aus dessen Genuß kein Vorwurf, keine Reue quillt; – und ich werde[5] manche Stunde mit Ihnen der moralischen Freude widmen. – Ich freue mich auf Alles was Sie von Italien‘s klassischen Boden gesaugt werden haben; denn ich weiß, daß Sie nicht mit der Kleinheit und Engbrüstigkeit eines von Staub nie mehr zu reinigenden Antiquar’s in Ihre Heimat widerkehren werden — sondern mit erhobenerem Sinn, und geordneterer Schwermerey, für alles, was groß, schön und edel ist. – Für das Wenige, wodurch die Menschheit seine Nichtigkeit manchmal vergessen mag –  — —. Was gäbe ich dafür, hätte ich meinen Plutarch[f] mit 20 Jahren gelesen! Sie können begreifen, was ich dadurch sagen will!

Um indessen auf andere Gegenstände zu kommen, muß ich Ihnen sagen, daß ich Gordon[g] den Schifskapitain, viel gesehen habe, und ihn diesen Tagen hier erwarte, wo er 8 Tage ausschnaufen will – daß Gordon Sie anbetet, und mir gar nicht zu geben will, daß Sie auf mich zu denken Zeit fänden, indem Sie Regen und Schön Wetter nel campo Romano machten. Wissen Sie noch unsere Alfieriaden![h] — Gordon will mich, nach dem SalzkammerGut, Salzburg und der Schweitz begleiten, wo ich einen Theil des Sommers zu bringen will. Da werden wir von Ihnen genug sprechen – nicht genug für mich übrigens. Von meinem Leben nach 4 Monaten, weiß ich noch nichts – So viel ist aber gewiß, daß ich noch viel herumrutschen werde bis die Zeit kommen wird — in die Erde zu rutschen. Wie froh bin ich diesen Ausdruck gefunden zu haben. Der Tod verliert durch ihn einen Theil seiner Schrecknisse! – Was ich indeß in reiner Zukunft einigermaßen ahnde und witters ist,5 daß ich nie in einem Verhältniß mit einem Weibe seyn werde,[6] welches5 man, Heirat, heißt, sondern – so schlechtweg, ohne Zeremonien — Wie Abeilard und Heloise[i] im ersten Aufzug — so wie Aristiso und Lais ect. ect. so beyläufig, ja, das glaube ich – und erraten Sie nicht, mit wem ich in einer solchen Verhältniß seyn werde – so ist mir schon zu helfen – und ich muß meine Philosophie um einen Grad wieder höher spannen. Sie haben aber ein gefühlvolles Herz, und hatten wenn Sie ehrlich die Wahrheit gestehen wollen, für mich immer eine kleine Schwäche gehabt – die Sie mir, Liebe Lulu, in so vielen Gelegenheiten, wo es meinem Herzen Balsam war, zu erkennen gaben – War es lediglig Mitleid indeß – so nehmen Sie auch dafür meinen innigen Dank – jetzt da die Zeit, die die Wunden zu vernarben pflegt, auch über mich hinweggezogen ist, bleibt in mir kein Bedürfniß, bemitleidet zu werden – Gottlob, ein Theilnehmendes Andenken aber ist meinem Glücke notwendig.

Széchenyi

Schreiben Sie mir ein paar Worte nach Wien; aber gleich nach Empfang Dießes, und behalten Sie mich in Ihrem Andenken[7]


[1] Széchenyi’s underlining with wavy line.

[2] Instead of wenn.

[3] Instead of wann.

[4] Széchenyi’s underlining with straight line.

[5] Interlining afterwards.

[6] One word deleted.

[7] On the fourth page of the letter, on the left-hand side, written perpendicular to the text.


[a] Countess Ludovika Franziska Maria Thürheim (1788–1864), Austrian writer and painter, sister-in-law of Prince Andrey Razumovsky. She is best known for her memoir Mein Leben, in which she chronicled life as an aristocrat in Vienna.

[b] I. e. when he was in Russia.

[c] I. e. in Italy.

[d] The countess had three sisters, Isabella (1784–1855), Constantine (1785–1867), wife of Prince Razumovsky, and Josephine.

[e] He refers to the work of Thomas Kempis The Imitation of Christ.

[f] He refers to Plutarch’s Vies des hommes illustres (Paris, 1804), which he had in his library.

[g] Navy Captain János Gordon.

[h] Probably a reference to a work by the Italian playwright Vittorio Alfieri (1749–1803).

[i] Héloïse (1095–1164) was a pupil and lover of the French scholastic philosopher Pierre Abélard.

Recommended reference:

István Széchenyi to Luise Thürheim, Cenk, 29 May 1824. Edited and annotated by Szilvia Czinege. Published in Correspondence of István Széchenyi. Digital edition. Edited by Szilvia Czinege and Zoltán Fónagy. https://szechenyilevelezes.abtk.hu/ Abbreviation for further references: SzIL-Digit.

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