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Recipient Luise Thürheim
Place of Writing Vienna
Date 1820. February 12.
Language German
Tag emotions social life
Location of Preservation MNL OL P 625 B-No.106.
Place of Publication Bártfai – Adatok 1. 27-30.
Classification Original
Content Summary

There are people whose company makes one feel warm, and others who make everything around them feel bleak – he classified the Countess as one of the former. Her departure is not yet decided, while he is preparing his travel report. His father is not well.

Luise Thürheim

Meine theuere Gräfin,[a] aus Ihrem Brief[b] hab’ ich gesehen, daß Ihr Herz, selbst in dem Lande, wo alles was lebt und blüht erstarret und abstirbt[c] – für das Gute und Schöne stets mit gleicher Wärme fort glühet! – Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihre gütige Errinnerung. – früher konnte ich Ihnen nicht antworten, denn ich hätte mich in manche Erzählungen verlohren, derer Inhalt Sie vieleicht nicht interessirt oder Ihnen unangenehm ist – und den ich längst aus meinem Gedächtniß hätte reißen sollen. – Eben so wie Sie es für schwer, ja selbst für unmöglich halten, in so kaltem Lande in welchem Sie leben einen gemütlichen Brief herauszubringen — eben so finde ich’s unnatürlich in meiner jetzigen Laage gemütlich zu seyn. Es giebt Menschen in deren Nähe man, sich so zu sagen erwärmt — Ihre Umgebung belobt und beglückt — und jeder Athemzug füllt die Brust mit neuer Wonne, mit ungekannter Lust — Es giebt aber andre die rings um sich her alles verdorren machen – und in deren Gesellschaft man sein eigen Herz so öde so leer fühlt! – Haben Sie das nie bemerkt? noch nie in Ihrem Leben erfahren? Kennen Sie diese Macht, die auf uns so unwiderstehlich wirkt — wirklich nicht? — Sie haben von meiner vorhabenden Reise nach Osten[d] wahrscheinlich schon manches gehört: — und indem ich selbst kaum mehr der Herr meines Wollens gewesen bin, ließ ich durch den Zufall mich so tragen — ob es mich glücklich im Hafen bringen wird – oder vieleicht niemals wieder, das weiß ich bei Gott nicht — es gielt mir auch ziemlich gleich — Ich hab’ Ihnen, liebe theuere Gräfin – von allen den nichts sagen wollen — man legt die Handlungen der Menschen so verschieden aus, weil man nie wissen kann warum sie eigentlich geschehen, daß sie selbst – obschon Sie gerecht und sogar nachsichtig sind — mich in diesem Augenblick gewiß für etwas verrückt und überspannt halten. Es sey aber wie es wolle – ich gebe Ihnen mein Wort – Sie und Ihre Schwestern,[e] werden sich nie zu schämen brauchen, mir etwas Freundschaft geweiht zu haben – wenn sie das wirklich thaten — denn wo immer mein Geschick mich nur auch hintreiben sollte – eingedenk werde ich immer bleiben daß ich manche angenehme Stunde mit ihnen verlebte – und solcher Handlungen die eine Rüge verdienten, bin ich jetzt nicht mehr fähig, — das schwöre ich Ihnen. Daß ich durch übertrieben Empfindsamkeit getrieben worden[1], zu dem Ungewöhnlichen zu greifen — das werden Sie mir ja vieleicht vergeben: denn Sie selbst verschmähen Gleichgültigkeit — und so glückliche Menschen deren Leben ganz ohne Sturm abgelaufen ist,[2] deren Leben man mit einem schönen Sommertag vergleichen sollte — die giebt es ja nur äuserst wenige ——: ich kann mich in ihre Zahl nicht rechnen – nicht wahr? Liebe Louise?[3]

Übrigens ist meine Abreise noch nicht entschiedend — es hengt an so vielen: und da ich es gar nicht wünsche, daher auch gar nicht treibe – so kann es auch noch weit hinausgeschoben werden. – Daß ich aber nicht mit dem heitern Mut diesmal reisen werde — wie sonst — das werden Sie mir glauben — „Er wird eine krampfhafte Unterechnung werden[4] Mein Journal wird in der Folge wahrscheinlich unter dem Titel erscheinen die Krampfhafte Reise nach Arabien des weiland Gr.[5] von S[6] —– Werden Sie darauf praenumeriren? Werden Sie s lesen? — es wird wahrscheinlich um einen ganz billigen Preis zu haben seyn.

Meines alten Vaters Lebenslampe brennt schon ganz düster und ich glaube daß er2 dieses hinfällige Seyn bald mit einem bessern Leben vertauschen wird –. Sie glauben nicht was er ausgestanden hat, und mit wie vieler Geduld und Ergebung —! Ich versichere Sie, es ist hinlänglich einige Tage mit ihm erlebt zu haben, um dann das ganze Leben hindurch – im Vergleich mit seinen Leiden — sein eigenes Geschick sanft und ruhig zu ertragen. Ich wollte daß jeder Mensch am Rande des Grabes sich so Mackel frei befände – wie mein guter Vater. — Es ist wahrscheinlich, daß Ihr Brief, wenn Sie mir schreiben wollten, mich noch hier finden könnte — indessen will ich Sie dessen entheben, wenn es Ihnen ungelegen wäre. Ein einziges Wort an eine Ihrer Schwester geschrieben, daß Sie mich noch in Gedächtniß haben, soll mir hinlänglich Freude seyn —.

Sagen Sie Ihrer Schwester Constantine recht viel Schönes – Ich empfehle mich sodann dem F.[7] Razumofsky[f] – meistens aber Ihnen – „die mir recht lieb und theuer ist.2 Gott erhalte Sie in guter Gesundheit, und in guter Laune!

Széchényi

Wien den 12ten Februar4[g]


[1] Missing word: bin.

[2] One word deleted.

[3] Széchenyi’s underlining with straight line.

[4] Széchenyi’s underlining with wavy line.

[5] Grafen

[6] Széchenyi

[7] Fürsten


[a] Countess Ludovika Franziska Maria Thürheim (1788–1864), Austrian writer and painter, sister-in-law of Prince Andrey Razumovsky. She is best known for her memoir Mein Leben, in which she chronicled life as an aristocrat in Vienna.

[b] The letter is unknown.

[c] I.e. Russia. Countess Luise Thürheim accompanied her brother-in-law, Prince Razumovsky, to Russia, where he wanted to settle his financial affairs.

[d] For the journey, see the letter to Heinrich Hardegg of early February 1820. 

[e] The countess had three sisters, Isabella (1784–1855), Constantine (1785–1867), wife of Prince Razumovsky, and Josephine.

[f] Prince Andrey Kirillovich Razumovsky (1752–1836), Russian tsarist envoy, lived in Vienna from 1792 and represented the Russian tsar, playing a mediating role at the Congress of Vienna.

[g] The letter was written based on its content in 1820.

Recommended reference:

István Széchenyi to Louise Thürheim, Vienna, 12 February 1820. Edited and annotated by Szilvia Czinege. Published in Correspondence of István Széchenyi. Digital edition. Edited by Szilvia Czinege and Zoltán Fónagy. https://szechenyilevelezes.abtk.hu/ Abbreviation for further references: SzIL-Digit.

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